Agape-Feier - Eine besondere Form des Miteinander-Feierns

Eine besondere Form des Miteinander-Feierns nicht nur in dieser schweren Zeit: Die Agape-Feier

 

Ein Vorschlag, die Agape im kleinen Kreis zu feiern

 

Was ist „Agape“? Einführung zur Agape-Feier

Apg 2, 46

„Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeit mit Freude und lauterem Herz.“

Man kann einfach gemeinsam essen; auch das kann schon eine schöne Weise sein.

Man kann aber dem gemeinsamen Mahl auch eine besondere Form geben, z. B., wenn man sich miteinander daran erinnert,

- wer bei uns ist, wenn wir in Frieden und liebevoll miteinander zusammen sind ,

- woher alle Nahrung kommt,                           

- welche Bedeutung die Gaben Gottes für unser leibliches Wohl haben.

 

Eine solche Form kann eine Agape-Feier sein.

„Agape“ ist die schwesterliche und brüderliche Liebe untereinander, die Jesu oberstes Gebot ist.

Nichts anderes ist die Agape-Feier: die gemeinsame Mahlzeit mit Menschen, die einander in Liebe zugeneigt sind und liebevoll miteinander umgehen.

Sie ist keine Abendmahlsfeier!!!

Die bedürfte einer anderen Form.

Eine mögliche Form der Agape-Feier möchten wir Ihnen vorstellen:

Vorbereitung des Raumes:

Ein schön hergerichteter Tisch mit einer Kerze, einem Teller mit Brot, eine Flasche Wein/Saft und für jeden ein Glas sowie ein Ausdruck des Formulars und – je nach Personenzahl -für jeden oder zu zweit ein Liedblatt.

Die Feier beginnt mit einer kleinen Licht-Feier: Wir machen uns bewusst, dass Christus, das Lichtder Welt, bei uns sein will.

Dann bedenken wir die Bedeutung der Getränke und der Nahrung, indem wir stellvertretend über Brot und Wein jeweils den Lobpreis sprechen.

 

Zu den einzelnen Teilen haben wir passende Lieder mit Noten und Text hinzugefügt (Liedblatt). Die Lieder kann man singen, man kann aber auch die Liedtexte einfach laut lesen wie Gebete.

In der Feier sind zwei Rollen denkbar:

- die Hausmutter oder der Hausvater als Leiter der Feier,

- ein/e Liturg/in, der/die Gebets- und Lobpreistexte liest.

Es kann aber auch eine Person beide Rollen übernehmen, auch Kinder können Textteile übernehmen.

Nach dieser kurzen Feier mit gottesdienstlichem Charakter darf man nach Herzenslust mit einander essen (nicht nur Brot), trinken und reden und fröhlich sein, bis alle gesättigt sind.

 

Wir hoffen, dass wir Ihnen einen Impuls und eine Hilfe geben können, in dieser Passions- und Osterzeit ein gutes Miteinander zu gestalten.

Heinz Frankenberger und Heidi Meyer-Frankenberger

 

 

 

Die Agape-Feier

Vorbereitung des Raumes:

Ein schön hergerichteter Tisch mit einer Kerze (noch nicht angezündet!), - siehe oben!

Ablauf:

für den nachfolgenden Ablauf sind zwei handelnde Personen vorgesehen: die eine (Hausvater/ Hausmutter= HV/HM) leitet die Feier, die zweite spricht die Gebete

(L = Liturg), es kann auch eine dritte Person die Lieder anstimmen. Alle Aufgaben könne auch von einer Person übernommen werden.

HV/HM Leitung

 Begrüßung der Teilnehmer

- Dank für die Vorbereitung

- Freude über den Tisch-Schmuck als Ausdruck der Lebensfreude

- Ausdruck des Dankes für den Tag und das Zusammensein

EG 571,2 Ubi caritas (Liedblatt)

HV/HM

1. Dankbarkeit:

Gott, der Schöpfer aller Dinge, gab uns, dass wir uns täglich von neuem stärken können.

Was die Erde uns schenkt, erhält unser Leben und gibt uns Kraft.

Jesus Christus, der uns Kunde gebracht hat vom himmlischen Vater,
lud immer wieder Menschen an seinen Tisch oder ging zu ihnen, um mit ihnen zu essen und zu trinken.

So machte er das gemeinsame Mahl zum Zeichen: Zum Zeichen der Liebe unter seinen Freunden.

Geleitet vom Geist Gottes versammelten sich die Jünger und brachen das Brot hin und her in den Häusern. (Apg 3) So sind auch wir beieinander:

im Namen des Vaters, gerufen durch den Sohn, verbunden im Heiligen Geist. Amen

2. Das Licht

Vor uns auf dem Tisch steht eine Kerze, die noch nicht entzündet ist. Bevor wir das Licht leuchten lassen, erinnern wir uns an die Erschaffung allen Lebens:

L:  Lobpreis über dem Licht

Gepriesen seist du, Gott, ewige Güte, Grund allen Lebens, König der Welt.
Du hast das Licht aus der Finsternis gerufen, hast die Feste des Himmels errichtet,
hast Wasser und Land geschieden und alle Pflanzen hervorgebracht,
hast Sonne, Mond und Sternen ihren Ort gegeben,
hast mit Fischen und Vögeln Wasser und Luft erfüllt,
hast die Tiere der Erde geschaffen und den Menschen zu deinem Bilde gemacht,
hast den Tag der Ruhe dir geheiligt
und hast alles neu ins Leben geführt
durch deinen Sohn Jesus Christus, der da spricht:

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.
So machst du uns frei von allem Dunkel dieser Welt durch ihn, Jesus, deinen Knecht.

L: Dir sei Ehre in Ewigkeit        Alle wiederholen: Dir sei Ehre in Ewigkeit

HV/HM: So zünden wir die Kerze an, in der Erinnerung an den Ursprung allen Seins, in der Erinnerung, dass Jesus Christus das Licht der Welt ist.

EG 410 1+2 Christus, das Licht der Welt

oder Taizé-Lied: Christus das Licht (Liedblatt)

3a. Der Wein

HV/HM: Vor uns auf dem Tisch steht Wein/Saft aus der Frucht des Weinstocks. Wir füllen unsere Gläser und nehmen den Duft wahr.

(Eine Person gibt etwas Wein/Saft in jedes Glas.)

Gewachsen an sonnigen Hängen, gelesen von fleißigen Händen oder Maschinen, gekeltert, vergoren, zu Saft und Wein geworden, den Menschen zu Nutz und Freude.
Bevor wir davon trinken, erinnern wir uns der Taten Gottes für uns Menschen:

L:  Lobpreis über dem Wein

Gepriesen seist du, Gott, ewige Güte, Grund allen Lebens, König der Welt. Du hast die Frucht des Weinstocks erschaffen, des Menschen Herz zu erfreuen. Du hast deinen Sohn gesandt, der da spricht: Ich bin der rechte Weinstock und ihr seid die Reben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. So nimmst du uns auf in deine Herrlichkeit und deine Freude - durch ihn, Jesus deinen Knecht.

L:  Dir sei Ehre in Ewigkeit    Alle wiederholen: Dir sei Ehre in Ewigkeit

HV/HM: So erheben wir das Glas und kosten diese Freude für Gaumen und Seele.

(Alle genießen den Wein/Saft)

EG 406, 1+2 Bei dir Jesu will ich bleiben (Liedblatt)

3b. Das Brot

HV/HM: Vor uns auf den Tischen liegt Brot, aus dem Korn der Erde erwachsen, gemäht, gedroschen, gemahlen zu Mehl, mit Wasser und weiteren Zutaten zu Teig verarbeitet, geformt zu einem Laib und gebacken. Wir nehmen den Duft frisch gebackenen Brotes wahr, dem Menschen zur Stärkung und zur Freude. Bevor wir es teilen, erinnern wir uns der Taten Gottes für uns Menschen:

L: Lobpreis über dem Brot

Gepriesen seist du, Gott ewige Güte, Grund allen Lebens, König der Welt. Du bringst das Brot und alle Nahrung aus der Erde hervor, dass wir erhalten werden und du hast deinen Sohn gesandt, der da spricht: ich bin das Brot des Lebens. So stillst du all unser Verlangen durch ihn, Jesus, Deinen Knecht.

L: Ehre sei dir in Ewigkeit     Alle wiederholen: Dir sei Ehre in Ewigkeit

HV/HM: So teilen wir das Brot, nehmen einen kleinen Bissen, trinken vielleicht noch einen Schluck Wein oder Saft.

(Alle am Tisch reichen den Teller mit Brot weiter, nachdem sie ein Stück für sich genommen haben.)

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.
Wir erinnern uns an die unendliche Liebe Gottes mit dem folgenden Lied.

EG 98,1-3 Korn, das in die Erde  (Liedblatt)

4. Schluss und Segen

HV/HM: So sehen und erleben wir, dass alles, was unser Leben ausmacht, aus der Erde entspringt.

Leben wird nur möglich durch Tod.

Wie die Kerze, die doch das Licht hervorbringt, sich dennoch verzehren muss, sonst kann es nicht leuchten, so muss auch der Weinstock Kraft einbüßen, wenn er reichlich Früchte bringt. Wie das Weizenkorn nur dann viele Frucht bringt, wenn es in die Erde gelegt wird und erstirbt, so wird alle Kreatur an die irdische Endlichkeit gemahnt. Dies ist keine bedrohliche Aussage! Vielmehr weist alles, was uns umgibt, dieser Raum, die Menschen, der schön geschmückte und  gedeckte Tisch, alles weist uns bildhaft auf das hin, was wir erwarten dürfen und wie auch unser Leben auf Erfüllung wartet.

Unser Leben bekommt einen anderen Sinn, ja es wird zum Fest, wenn wir um diese Hintergründe wissen.
Darum können wir nun dankbar singen:

EG 336 Danket, danket dem Herrn (Kanon auf Liedblatt)

L:
So segne und behüte uns Gott, der Allmächtige – Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen.

Jetzt darf man weiter essen, trinken und die Gemeinschaft pflegen.

Dann folgt das Abschlusslied

EG 787.8 Bleib mit deiner Gnade bei uns (Liedblatt)
oder das Abendlied EG 488

Haus-Gottesdienst von Herrn Pfr. Veit

Herr Pfr. Veit hat uns freundlicherweise noch diese Alternative zum regulären Gottesdienst zur Verfügung gestellt.

Gottesdienst feiern in schwierigen Zeiten

Öffentliche Gottesdienste sind uns zur Zeit untersagt, um der Ausbreitung des neuartigen Virus zu wehren. Ein Gottesdienstverbot gab es auch schon zu anderen Zeiten. Zum Beispiel trafen sich Christen in Verfolgungszeiten in kleinen Gruppen in ihren Häusern, um heimlich Gottesdienste zu feiern. Haus-Gottesdienste haben aber eine noch viel ältere Tradition: Die ersten Christen trafen sich in ihren Häusern zum Gottesdienst. Insofern nehmen wir eine urchristliche Tradition in der Not wieder auf.

 

Gottesdienst am Palmsonntag

Wir veröffentlichen jede Woche einen Entwurf für einen Haus-Gottesdienst. Wir sind nun in der Passionszeit angekommen. Heute am Palmsonntag denken wir an den Einzug Jesus in Jerusalem. Waren es damals viele Menschen, die Jesus zujubelten und ihn als Messias begrüßten, drückt im Predigttext für den diesjährigen Palmsonntag eine Frau dies durch eine symbolische Handlung eindrücklich aus. Und auch sie stößt auf Protest.
Einführung Haus-Gottesdienst
Hilfreich ist es, wenn Ihnen das Evangelische Gesangbuch (EG) und eine Bibel zur Verfügung steht. Schön ist, wenn Sie eine Kerze anzünden – als Zeichen, dass Jesus Christus gegenwärtig ist.

Votum
Eine/r:
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Alle:
Amen.
Einer/r:
Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn.
Alle:
Der Himmel und Erde gemacht hat.


Wochenspruch
Eine/r:
Der Wochenspruch für die neue Woche lautet: „Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. (Joh 3,14b.15)“
Lied (Wochenlied)
EG 91: „Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken“ oder ein anderes Passionslied

Wochen-Psalm  EG 764: Christushymnus

Eingangsgebet
Eine/r:
Barmherziger Herr und Vater,
wir feiern heute Morgen Gottesdienst in der Erwartung, dass du zu uns kommst – in unser Herz, in unsere Gedanken, in unser Leben, in unsere Welt. Wir wollen unsere innere Tore weit aufmachen, damit du einziehen kannst.
Rede du zu uns heute Morgen. Schenk uns wache Ohren und Herzen, damit wir deine Stimme hören können.
So wenden wir uns dir bewusst zu, öffnen uns in der Stille deiner Gegenwart.
(es folgt eine kurze Stille)
Danke, dass du uns durch und durch kennst und unsere Gebete hörst.
Amen

Bibelabschnitt
Eine/r liest oder reihum lesen wir Markus 14, 3-9.
Verweilen und Vertiefen
Jede/r liest für sich nochmals den Bibelabschnitt in seiner Bibel. In der Stille überlegen wir, was der Text für unseren Alltag, für die derzeitige Situation oder ganz grundsätzlich über uns und Gott aussagt.
Austausch
Wer mag, kann den anderen die eigenen Gedanken mitteilen. Wichtig ist, dass es in dieser Phase nicht um Diskussion geht, sondern darum, zu hören, was der Text bei den Schwestern und Brüdern ausgelöst hat. Deshalb wird hier nicht kommentiert.


Predigt
Wir lesen die Predigt – entweder jede/r für sich oder jemand liest laut vor.
Liebe Gemeinde,
haben Sie schon einmal etwas total Verrücktes gemacht? Etwas, mit dem nie jemand gerechnet hätte? Etwas ganz Abgefahrenes? Haben sie schon mal jemand ganz überraschend eine Freude gemacht, so dass sie oder er richtig sprachlos war? Etwa eine Liebesbekundung oder einen originellen Heiratsantrag aus heiterem Himmel?
Verrückte Ideen gibt viele. Da chartert einer ein Flugzeug mit einer riesigen Schleppe hintendran, auf der steht: „Karin, ich liebe dich.“ Und dieses Flugzeug lässt er dann eine Stunde über den Ort der Angebeteten kreisen. Oder eine Frau mietet für einen Monat die Werbefläche eines Linienbusses, der jeden Tag am Geschäft Ihres Verlobten vorbeifährt und lässt groß darauf drucken: „Michael, du bist das Größte für mich.“
Liebe beflügelt. Liebe erweckt Fantasie. Verliebte wachsen über sich hinaus.
Im Predigttext für den heutigen Sonntag geht es um solch eine verrückte Geschichte – genauer: um solch eine verrückte Frau. So verrückt, dass Jesus am Ende sagt: „Ich versichere euch: Überall in der Welt, wo in Zukunft die Gute Nachricht verkündet wird, wird auch berichtet werden, was sie getan hat. Ihr Andenken wird immer lebendig bleiben.“
Was hat die Frau getan? Nun, die Geschichte beginnt so: Jesus ist mit seinen Jüngern in Betanien, im Haus Simons, des Aussätzigen. Das Haus ist wohl ein Begriff im Ort – vielleicht wohnt hier ein Aussätziger, den Jesus geheilt hat. Manche Ausleger gehen davon aus, dass Jesus in diesem Haus Quartier genommen hat.
Sie sitzen beim Essen. Man kann davon ausgehen, dass sich da einfache Leute versammelt haben: Fischer und Kleinbauern und eben die Anhänger Jesu. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten sind mit argwöhnischen Augen auch nicht weit weg.
Plötzlich geht die Tür auf. Herein tritt eine Frau, der man schon von weitem ansieht, dass sie zu den besser Betuchten gehört. Sie ist nicht eingeladen zum Essen; die Männergesellschaft ist unter sich. Das war damals so Sitte. Sie hebt sich also zweifach von den hier Versammelten ab: durch ihren sichtbaren Reichtum und durch ihr Geschlecht. Um so krasser wirkt, was die Frau tut. Ohne ein Wort zu sagen geht sie auf Jesus zu. In der Hand hält sie ein wertvolles Fläschchen aus Alabaster, eine besonders kostbare Gipsart. Sie zerbricht es über dem Kopf Jesu und heraus läuft ein Öl. Es ist kein normales Öl; der Duft verrät die Marke. Mit einem sündhaft teuren Nardenöl salbt die Frau Jesus. Nardenöl wird aus einer kostbaren Heilpflanze gewonnen und muss aus fernen Ländern importiert werden. 300 Denare kostet so ein Fläschchen Öl. 300 Denare ist der Jahreslohn eines Arbeiters. Übersetzt auf heute müssen wir dies wahrscheinlich so umrechnen: der durchschnittliche Jahresarbeitslohn in Deutschland liegt bei über 40.000 Euro. 300 Denare sind ein Vermögen und gemessen an den 30 Denaren, die Judas wenige Tage später für den Verrat an Jesus erhält, eine wahrlich respektable Summe.
Betroffenes Schweigen. Sprachlos sind sie. Keiner sagt etwas – weder die Frau, noch Jesus. Doch dann regt sich Widerspruch. Einer stößt den anderen an: „Das kann es ja nicht sein.“ Der wirft ein: „Wir sind doch auf dem Weg nach Jerusalem – zum Passafest.“ Alle verstehen, auf was er anspielt. Der Weg nach Jerusalem ist in dieser Zeit voll von Bettlern und Hungerleidern. Jedes Jahr ist es dasselbe Bild. Denn zu den Passapflichten gehört es, dass man den Armen Geld gibt. Man muss versuchen möglichst schnell an denen vorbei zu kommen, sonst ist das Geld rasch weg – so viele sind auf Hilfe angewiesen.
Alle im Raum kennen diese Bettlergestalten und auf dieser Folie erscheint die Handlung der Frau noch maßloser – pure Verschwendung. Mutig fasst es endlich einer in Worte: „Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Denare verkaufen können und das Geld den Armen geben.“
Ich weiß nicht, wie wir reagiert hätten. 40.000 € - das hätte den Sozialfond für Jahre gefüllt. Mit diesem Geld könnten wir manche Not in Afrika entscheidend mildern. Ich vermute: Uns wäre es gegangen, wie all den dort Versammelten: Totales Unverständnis.
„Was soll diese Vergeudung des Salböls?“ Klar, darin schwingt ein handfester Vorwurf: „Sie, diese reiche Frau hat kein Herz für die Not der einfachen Leute. Sie wirft mit ihrem Reichtum so um sich – aber nicht, um anderen zu helfen, sondern um bei Jesus Eindruck zu machen.“ Der Protest wird lauter.
Die Frau schweigt. Ihr kommt der geballte Widerspruch entgegen. Kleiner und kleiner wird sie neben Jesus. Was soll sie auch sagen? Sie kann ja die Menschen verstehen – doch die Leute verstehen sie nicht.
Eigentlich hätten die Jünger und die anderen Männer ganz anders reagieren können? Wenige Stunden später wird Jesus in Jerusalem einziehen. Und da stehen sie am Straßenrand – Männer und Frauen, Kinder und Alte. Laut und begeistert rufen sie: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herr. Hosianna.“ Religiös Wissende kombinieren: Da kommt der Gesalbte. Der Messias. Der Juden König.
Sprich: Die Männer im Haus des Gelähmten in Bethanien hätten die Tat der Frau als Salbung zum König verstehen können. Das stand doch fast im Raum. Sie hätten den Vorgang als Inthronisation sehen können und begeistert ihren Messias feiern können. Doch auf solch eine Reaktion warten wir vergebens.
Plötzlich erhebt Jesus das Wort. Eine ungewöhnliche Reaktion: „Lasst die Frau in Ruhe. Lasst sie in Frieden. Was hackt ihr auf ihr rum? Sie hat an mir ein gutes Werk getan.“
Was? Diese Verschwendung nennt er ein gutes Werk? Er, der immer auf der Seiten der Armen steht? Welch eine Provokation! Das klingt ja fast so, als wolle er sagen: „Ich bin es wert.“
Doch es folgt eine ganz andere, eine für die Ohren der Zuschauer merkwürdige Begründung: „Diese Frau hat getan, was ihr möglich war. Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis.“ So versteht das Jesus. Die Frau hat ihn auf sein Sterben vorbereitet. Nicht den König hat sie gesalbt – nein, sie hat die letzte Ölung, die ja Jesus wenige Stunden später verwehrt wird, vorweg genommen. Jesu Gedanken sind also schon ganz bei diesem Weg, der ihm bevorsteht. Er weiß, dass der Weg nach Jerusalem zum Passahfest sein letzter Weg sein wird – der Weg in den Tod. „Wisst ihr, fährt er fort: Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.“
Betretenes Schweigen im Raum. Hätte er gesagt: „Ihr wisst doch, Könige und herausragende Persönlichkeiten werden gesalbt; auch der Messias, der Sohn Gottes wird als der Gesalbte bezeichnet.“, dann wäre wahrscheinlich Jubel ausgebrochen. Dann hätte man sogar der Frau die Verschwendung verziehen.
Jesus interpretiert die Handlung als ein Zeichen auf seinem Weg. Was die Frau damit verband, wird uns nicht erzählt. So wortlos, wie sie gekommen ist und gehandelt hat, so wortlos endet ihr Handeln. Wir wissen nicht, warum die Frau Jesus auf diese verschwenderische Weise die Ehre geben wollte. Vielleicht hat sie mitbekommen, was wenige Verse vor unserem Predigttext beschrieben wird. Es braut sich einiges um Jesus zusammen. Hinter den Kulissen schmieden die Feinde Jesu Hinrichtungspläne. Einer, der so von Gott redet, einer, der für sich in Anspruch nimmt, der Menschensohn zu sein, der muss weg. Vielleicht hat die Frau Großes von Jesus gehört oder mit ihm erlebt und wollte ein Zeichen gegen diese Feindschaft setzen. Auf jeden Fall leuchtet eines auf: Überschwänglich gibt sie ihrer Liebe zu Jesus Raum. Deshalb macht sie etwas Verrücktes – aus Liebe gibt sie ihm auf ihrer Weise die Ehre.
Doch für Jesus ist diese Salbung keine Ehren-, sondern Totensalbung. Ohne es zu wissen, bereitet die Frau Jesus auf sein Sterben vor. Dieses Sterben, das aller Welt Frieden bringen soll. Dieses Sterben, das die Mauer des Todes zerbricht.
Erst später, erst nach Ostern konnten die hier versammelten Menschen seine Worte richtig einordnen: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Erst nach Ostern verstanden sie: Dieser Tod ist so wichtig für uns und für die ganze Schöpfung, dass diese verschwenderische Handlung der Frau angebracht war.
Als die Jünger und die anderen Gäste das Haus damals verließen, da waren die Armen draußen wieder da. Sie saßen am Wegesrand und hielten die Hände auf. Und sie erinnerten sich an Jesu Worte: „Arme habt ihr allezeit unter euch und könnt ihnen Gutes tun.“ Ob ihnen der Geldbeutel so verschwenderisch aufgegangen ist, wie sie es von der Frau erwartet haben?
Wann haben Sie das letzte Mal etwas richtig Verrücktes gemacht? Wann waren Sie zum letzten Mal so richtig verschwenderisch, um jemanden eine überraschende Freude zu machen? Mit dieser Frage begann ich. Jetzt, nachdem wir die Geschichte gehört haben, können wir uns die Frage auch anders stellen: „Wann haben ich das letzte Mal etwas richtig Verrücktes für Jesus gemacht? Wann war ich das letzte Mal so verschwenderisch für ihn? Mit meiner Zeit? Meinem Geld? Meinen Gaben? Wann habe ich meine Liebe zu Jesus so verschwenderisch gezeigt?“ – Und die zweite Fragestellung gehört gleichbedeutend daneben: „Wann habe ich das letzte Mal etwas richtig Verrücktes für andere gemacht? Wann war ich das letzte Mal so verschwenderisch für Arme und Notleidende?“ Denn Jesus sagt auch: „Was ihr denen tut, das tut ihr mir.“
Und noch ein Gedanke in Klammer, der aber sehr alltagstauglich ist: Immer wieder begegnet es mir, dass im Trauergespräch gesagt wird: „Ich wollte doch noch so viel sagen. So viel dem Verstorbenen tun.“ Vielleicht ist die Frau in unserer Geschichte ein leuchtendes Beispiel, dass man manches hier und heute tun muss – auch manch verrückten Liebeserweis - denn es gibt auch ein zu spät. Gerade in Corona-Zeiten hätten wir Zeit – Zeit für eine Postkarte, für einen Brief, für ein Telefonat, für ein Päckchen, für ein Gespräch. Zeit für ein Zeichen der Liebe.
Seit Jesu Passion und Ostern wissen wir: Gottes Liebe ist noch verschwenderischer und verrückter wie die Salbung der Frau. Noch verschwenderischer und verrückter als unsere Liebeserweise. Und so ist unser liebevolles Geben und Verschwenden immer eine Antwort, eine Reaktion auf Gottes große Liebe.
Amen


Lied:
EG 325: „Sollt ich meinem Gott nicht singen“ (oder)
EG 608: „Vergiss nicht zu danken“ (oder)
EG 565: „Herr, wir bitten, komm und segne uns“


Gebet und Vaterunser
Eine/r oder mehrere beten:
Verschwenderisch ist deine Liebe zu uns, barmherziger Vater. Du hast alles für uns gegeben – sogar dich selbst.
Wir bekennen, dass wir das manchmal nicht begreifen, vielleicht sogar schon für selbstverständlich erachten. Zu oft haben wir diese Botschaft gehört.
Wir staunen heute Morgen neu über das, was du uns tust. Dass du uns jeden Morgen weckst und Zeit schenkst. Dass du uns mit deiner großen Liebe umfängst. Dass du dich uns herschenkst.
Wir bitten dich, dass diese Liebe uns ansteckt. Dass auch wir verschwenderisch umgehen mit dieser Liebe – sie mit vielen teilen.
Wir denken heute Morgen an die Menschen, die keine Liebe erfahren. Die einsam und verlassen sind. Die am Rande stehen. Schenk uns Augen für sie und offene Hände.
Wir bitten dich für die Menschen, die von Ängsten vor dem Virus gelähmt sind. Schenk ihnen neu Vertrauen und Hoffnung.
Wir bitten dich für die Erkrankten – heile du. Wir bitten dich für die Sterbenden – schenk ihnen die Gewissheit, dass auch ihr Sterben in deiner Hand geborgen ist.
Und alles was uns heute Morgen noch auf dem Herzen liegt, nehmen wir hinein in das Gebet, das Jesus Christus uns gelehrt hat:
(Gemeinsam beten wir weiter:)
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.


Dieser Haus-Gottesdienst ist ein Angebot der Evangelischen Kirchengemeinde Knittlingen. Er erscheint wöchentlich neu. Weitere gedruckte Exemplare liegen vor dem Pfarrhaus (Pfleghof) und in einigen Lebensmittelgeschäften aus.
Kontakt: Ev. Pfarramt, Marktstraße 975438 Knittlingen
hans.veit@elkw.de / www.kirchengemeinde-knittlingen.de